„Die Gelassenheit der Menschen macht mir Sorgen. Ist jetzt nicht die Zeit gekommen, Angst zu haben? Sollten wir uns nicht gerade jetzt unter unseren altrosa Decken verstecken und ab und zu vorsichtig mit der Taschenlampe ins Dunkel leuchten und auf das Ende warten?“ Ich schaue Andrej fragend an.
„Ich jedenfalls möchte nicht mehr in Angst leben“, sagt Andrej und fügt noch hinzu, „Ich hasse diese altrosa Decke.“
Das stimmt. Aber auch wie sehr Andrej sich weigert, das einzugestehen, auch er hatte sich verändert. Aus dem dürren, fast schon mageren schlaksigen Jungen mit der Vorliebe für zerrissene Jeans und abgeranzte Cordjacken, in den ich mich verliebt hatte, ist ein gut genährter, seriös gekleideter Mann in den 40ern geworden.
„Wie sich die Welt seit damals doch verändert hat“, spreche ich mehr zu mir als zu ihm und schaue den Hügel entlang. Damals stand dort noch das Audimax, der größte Hörsaal auf dem Campus. Alles hatte sich verändert. Nur der Himmel nicht. Ich schaue hinauf zu den Sternen. Jagdhunde und Kleiner Löwe sind gut zu erkennen. Die vordere Tatze vom Sternzeichen Löwe erkenne ich trotz einigen Wolken und erschauere.
„Meine Güte, es ist mittlerweile über 20 Jahre her…“, Andrej schüttelt den Kopf und seufzt, „Es fühlt sich immer noch unreal an“, er stoppt und ich weiß, die nächsten Worte fallen ihm nicht leicht. „ Ich hätte sie alle retten können…!“
„Stopp!“ unterbreche ich ihn sofort. Tränen schießen mir in die Augen, auch wenn ich mich dafür hasse, sie kommen einfach. Er nimmt mich in den Arm und ich lege meinen Kopf an seine Brust.
Wenn man einmal hinter den Vorhang geschaut hat, kann man nicht einfach wieder in den Zuschauersaal zurückgehen und den Zauber genießen. Wir wissen nun, was dahinter ist. Wir sind Wissende und dadurch gebrandmarkt.
„Heute Nacht beenden wir es doch endlich?“, fragt er und seine Stimme klingt fast schon flehend, als ob er selbst nicht an seine Worte glauben würde.
„Ja“, antworte ich mit fester Stimme.
*
Es war eigentlich eine sorgenfreie Zeit damals. Wir lebten von einem Tag zum anderen. Das Studium war für uns nur eine Zeit, unsere Freiheit zu verlängern. Die Nächte waren immer zu kurz und die Sterne schienen für uns weit weg und damals auch noch romantisch zu sein. Als wir nachts auf einer Wiese auf dem Campus lagen, um uns mit einer Gruppe von Freunden den schon vertraut gewordenen Kometen Hale-Bopp anzusehen, wussten wir nicht, dass diese Nacht unser Leben für immer aus den Fugen werfen sollte.
Andrej erklärte mir die Besonderheit des Schweifes und auch die scheinbar unendliche Reise, die der Komet bereits hinter sich gebracht hatte. Ich schaute nur mit halber Aufmerksamkeit hin, da ich Geräusche vom unteren Hügel einzuordnen versuchte, als ich es sah. Es war wie ein Lichtpfeil. Ein Lichtpfeil, der sich vom Kometen auf einmal ablöste, sich vom Himmel langsam entlang zum Horizont bewegte und flackerte. Es flackerte aber nicht willkürlich. Auch wenn ich weder Kenntnisse über Morsezeichen oder Ähnliches hatte, konnte ich das Flackern sofort in meinem Kopf übersetzen. Ich war gelähmt und zweifelte nicht eine Sekunde an dem Ernst der Worte, die sich ausgelöst von der Lichterscheinung in meinem Geiste manifestierten. Sie kamen mit einem Schauer daher, der sich von meinen Lippen, über das Gesicht, bis in den Nacken ausbreitete und mich trotz der sommerlichen Temperaturen sofort zum Frieren brachte. „Tötet das Mädchen, sie nimmt uns wahr.“ Die Geräusche vom unteren Teil des Campus erloschen eine Sekunde, nur um sich danach schneller und lauter werdend in unsere Richtung zu bewegen. Es klang im ersten Moment wie ein Rasenmäher, dann doch eher wie ein Laubbläser. Doch war zwischen diesen mechanischen Lauten auch immer wieder ein schmatzendes Geräusch.
Wie kann man den Anblick der Kreaturen, die sich uns näherten, beschreiben? Sie sahen aus wie eine Kreuzung zwischen einem Hummer und einer Antilope. Nur nicht mit Fell oder Schale, sondern überzogen mit einer grünen, metallisch glänzenden Membran. Unser Kommilitone Mark stand zwischen uns und den Kreaturen. Mit dem Rücken zum Hügel, sodass er nicht einmal sah, was passierte. Er wurde buchstäblich einfach in dieses Wesen eingezogen und löste sich in hellroten Nebel auf. Das schmatzende Geräusch verfolgt mich heute noch in meinen Träumen. Doch die anderen schienen nichts gemerkt zu haben und einen Wimpernschlag später stand Mark anstelle der Kreatur da und warf mir ein Bier herüber, als ob nichts gewesen sei. Andrej, der direkt neben mir im Gras lag, fing es und reichte es mir. Ich sah im Hintergrund zwei weitere Kreaturen hinaufschweben, ihre Augen verdrehen und bösartig lächeln und wieder einen Moment später waren es zwei Erstis, die ich in der Orientierungswoche betreut habe. Sie wollten sich zu uns setzen. Ich packte Andrej an den Arm und sagte: „Ich muss hier weg, sofort. Zimtschnecke!“
Mir kam zugute, dass Andrej mich kannte und ich nicht das erste Mal aus dem Nichts auf einmal eine Panikattacke bekam. Mein Leben lang litt ich unter Nachtangst, Angst vor Wasser und plötzlichen Erstickungsanfällen. In den letzten Jahren habe ich deswegen mit Andrej ein Codewort eingeführt, das ihn zum sofortigen Ortswechsel motivierte. Also stand er auf und ging mit mir und entschuldigte sich mit der dümmsten Entschuldigung, die ein Mann aussprechen kann. „Frauen halt…!“
„Sie folgen uns nicht!“, sagte ich erstaunt, nachdem ich einige hundert Meter wie eine Irre gerannt war.
„Warum sollten sie denn auch?“, fragte Andrej erstaunt, während er nach Atem rang. Ich erklärte ihm, was geschehen war. Er glaubte mir. Nicht ohne Nachfragen und auch nicht ohne bissige Kommentare und diverses Augenbrauen-Verziehen, aber er glaubte mir. Wir waren mittlerweile in unserem Geheimversteck. Ein alter, verlassener Wasserspeicher, den wir über eine versteckte Strickleiter betreten haben. Hierhin verkroch ich mich immer, wenn ich die familiären Übergriffe nicht mehr aushielt. Dort habe ich Andrej auch zum ersten Mal getroffen. Er fuhr mit seiner Vespa vorbei und hielt an, als er mich dort weinen sah.
„Ich habe tatsächlich Ähnliches wahrgenommen. Deswegen bin ich auch sofort mitgekommen.“, er kramte in seinem Rucksack und holte ein abgegriffenes Notizbuch heraus. „Spektroskopische Beobachtungen von Hale-Bopp ergaben das Vorhandensein mehrerer organischer Verbindungen von HCOOH, HCOOCH3, HC3N, CH3CN. Viele von ihnen wurden nie zuvor in Kometen beobachtet. Diese komplexen Moleküle könnten bereits im Kometen existiert haben oder sie bildeten sich durch chemische Reaktionen“, er blätterte weiter und wurde ganz aufgeregt. „Einige Wissenschaftler gehen sogar noch weiter und nannten Hale-Bopp „Lebenszug der Milchstraße“. Es gibt die Theorie, dass dieser Komet nicht nur die Moleküle und Bausteine für Leben enthält, sondern mit seinem hellen Schweif und der ungewöhnlichen Laufbahn als Fahrzeug für eine uns weit überlegene Spezies dient und die Ankunft das Ende der Menschheit einleiten wird.“
„Jetzt schau mich nicht an, als ob ICH der Irre bin. Du hast mir gerade noch von menschenfressenden Hummer-Antilopen-Humanoiden erzählt“, sagte er, nachdem er wohl meinen Gesichtsausdruck sah und fing laut an zu lachen. Wir lachten beide. Es war eines dieser Lachen, das erst harmlos beginnt, sich dann in einen unkontrollierbaren Lachflash steigert, der bei mir sofort wieder das Gefühl des Kontrollverlustes über meinen Körper auslöste.
Nachdem wir uns beide beruhigt und ich meine ansteigende Panik in den Griff bekam, begann Andrej erneut in seinem Rucksack zu kramen. Er nahm eine Dose Bier heraus. „Ist das die Dose, die das Wesen, das aussah wie Mark, zu uns herüberwarf?“, fragte ich.
„Ja. Ich habe sie in der Eile in den Rucksack gestopft“, antwortete er und ließ sie plötzlich fallen und wich wie von einer Tarantel gestochen zurück. „Ahhhh!“, er schaute auf seine Hand. Sie war ganz rot und zeigte an den Stellen, mit denen er die Dose berührt hatte, Spuren einer Verbrennung auf.
Sie fiel auf den metallischen Boden des Wasserspeichers und zischte, als ob wir ein Ei in eine heiße Pfanne geschlagen hätten. Wir spürten die aufsteigende Hitze der Dose und den sich aufhitzenden Metallboden. Andrej griff mit seiner verbrannten Hand in seinen Rucksack und stülpte ihn sich wie eine Art Ofenhandschuh über, griff damit nach der Dose und beförderte diese mit einem schmerzvollen Schrei aus dem Wasserspender in das unten stehende Regenfass. Es zischte und dampfte laut. Ich lief zu ihm hinüber. Er saß mittlerweile zusammengesackt da und schaute auf seine Hand. Die Wunden hatten die Form eines spitzen Dreiecks. Es stank nach verbranntem Fleisch. Noch während ich die Wunde betrachtete, vernarbte diese und schien abzuheilen. Einzig eine Narbe eines spitzen Dreiecks mit seltsamen Punkten im Innern blieb zurück. Und auch der Gestank blieb für immer in meiner Nase eingebrannt.
*
Er lässt mich wieder los und schaut mir tief in die Augen: „ Wo bist du gerade in deinen Gedanken?“ „Im Wasserspeicher.“, antworte ich und unser erneutes Schweigen unterstreicht die Bedeutung noch. Es ist, als wären wir eine Seele. Schweigend stehen wir da und harren der Dinge, die da noch kommen werden.
*
Nachdem Andrej sich von seiner Verletzung etwas erholt hatte, hob er sein Notizbuch auf und stellte mir viele Fragen zu dem Lichtpfeil. „Wie war es für dich, diese Worte in deinem Kopf zu hören?“, fragte er mich schließlich.
„Ich kann es dir nicht genau erklären. Die Worte waren auf einmal da und ich nahm sie genauso deutlich wahr, wie deine Worte auch“, versuchte ich mich zu erinnern.
„Hast du noch mehr wahrgenommen als diesen einen Satz?“
Ich lauschte tief in mich hinein. „Die Verbindung besteht immer noch“, antwortete ich leise und Tränen flossen meine Wangen hinunter. „Was sagen sie?“, flüsterte er kaum hörbar.
Es waren keine Wörter, sondern es waren viel mehr Erinnerungen und Bilder, die in meinem Unterbewusstsein hochstiegen. Ich wusste nun die ganze Wahrheit und haderte mit mir, Andrej einzuweihen. „Noch gibt es für dich einen Ausweg!“, flehte ich ihn an, nachdem ich ihm von meinen Bedenken berichtet hatte.
„Wir stecken beide mit drin. Wir sind da eins. Dein Schicksal wird das meine sein!“, sagte er mit einem Ernst in seiner Stimme, den ich bis zu diesem Tag noch nicht kannte und drückte mit seiner vernarbten Hand die meine.
„Die Wahrheit ist, sie kommen nicht erst jetzt an. Sie leben schon seit Jahrzehnten hier und studieren unsere Lebensweise und Schwächen. Es waren zu wenige, um uns auf einmal anzugreifen. Es waren anfangs nur drei. Sie reisten mit Kometen durch das All, um unerkannt fremde Welten zu erobern. Auf die Erde sind sie mit dem „Halleyschen Kometen“ im Jahr 1759 gekommen. Mittlerweile gibt es Tausende von ihnen und mit dem Vorbeiflug von Hale-Bopp lassen sie die nächste Welle auf uns los. Sie werden uns technologisch auf das nächste Level heben. Dadurch wird die Menschheit Techniken entwickeln, die sie selbst auslöschen, bevor der Mensch den Planeten für andere Arten unbewohnbar gemacht hat. Sie werden uns im Namen des Fortschritts die Waffe selbst entwickeln lassen, die uns letztendlich auslöscht. Mit dieser Waffe töten sie alle nicht inhellierten Menschen.“
„Inhelliert?“, fragte Andrej.
„So nennen sie das, was sie mit Mark gemacht haben“, antwortete ich.
„Was können wir tun?“, fragte er.
„Wir müssen die Wesen töten. Durch das Inhellieren übernehmen sie auch unsere Struktur. Kurz gesagt: Töten wir den inhellierten Menschen, töten auch wir die Kreatur.“
Wir verließen den Wasserspeicher, gingen an den Waffenschrank meines Vaters und kehrten zum Campus zurück. Wir redeten nicht mehr ein Wort miteinander.
Bevor wir jedoch den Hügel hoch zu den Kreaturen gingen, hielt mich Andrej nochmal am Ärmel fest. „Und wenn wir uns irren?“, fragte er mich mit zitternder Stimme. „Ich dachte, du folgst mir überall hin“, fragte ich ihn wütend und riss mich los.
„Tanja? Mit wem redest du da?“, fragte Mark, als er mit den anderen zu uns herunterkam. Ich erschoss alle drei Kreaturen und ich wusste, dass es richtig war.
*
Er lässt mich erneut los und schiebt mich auch ein Stück weit weg von sich. „Über 20 Jahre ist es nun her. Wir sitzen immer noch in diesem Zimmer. Ich hätte dich aufhalten sollen“
„Vielleicht habe ich mich geirrt.“, sage ich und vor meinem geistigen Auge verschwinden der Hügel und der Abend; die weißen Wände und der trostlose Lichtschacht tauchen wieder auf. Das Gitter vor dem Fenster malt ein Streifenmuster auf mein Bett.
Ich ziehe mein T-Shirt aus und verwirbele es zu einer festen Schlaufe. Ein Ende knote ich an den Bettpfosten. Die Schlaufe lege ich mir um den Hals und beginne, es zu beenden: „Ich habe es dir versprochen…“, sage ich zu mir selbst in den leeren Raum.
***
„Wann haben Sie die Patientin gefunden?“, fragt der Polizist den Pfleger, der daraufhin seine Zeitung kurz beiseitelegt.
„Gegen 12:34 Uhr.“
„Was können Sie mir zu ihr und den Hintergründen sagen?“
„Ach, das ist eine traurige Geschichte. Sie wurde zuhause immer wieder misshandelt. Stellen Sie sich vor, ihr Vater hat ihre Hand sogar einmal mit einem Bügeleisen verbrannt. Sie hatte seitdem schreckliche Narben auf ihrer Hand. Irgendwann hat sie sich zurückgezogen und eine weitere Persönlichkeit namens Andrej erfunden. Es fiel anfangs gar nicht auf. Das Auftauchen des Kometen Hale-Bopp schien ihre Paranoia zu verstärken. Sie hat an dem Abend drei ihrer Kommilitonen erschossen und anschließend ihre ganze Familie. Wir fanden sie in einem verlassenen Wasserspeicher. Sie erzählte in den Untersuchungen und Verhandlungen immer wieder von Kreaturen und einer zukünftigen Waffe, die wir aufhalten müssen.“
„Zukünftige Waffe?“, fragt der Beamte.
„Irgendeine unsichtbare Waffe, die alle Menschen weltweit gleichzeitig bedrohen würde. Dann, wenn die Kirchen zu Ostern leer sind, wird es zu spät sein, wiederholte sie immer wie ein Mantra“, antwortet er und schlägt seine Zeitung wieder auf.
„Das ist doch irre! Was für ein Irrsinn, so etwas wird niemals passieren. “, sagt der Beamte und verdreht die Augen für einen kurzen Moment und lächelt bösartig.